AUS’M BIERMOOS

Deutschlandfunk über Ekzem Homo

Corso vom 10.02.2015

Gerhard Polt an den Münchner Kammerspielen

Der Mensch als Juckreiz

Von Andi Hörmann

Beitrag hören Gerhard Polt ist Satiriker, Schauspieler, Schriftsteller. Vor allem aber: ein großer Alltagsphilosoph und Ethnograf. Er leuchtet insbesondere das bayerische Lebensgefühl mit all seinen Schattenseiten und Absurditäten meisterhaft aus. Nun zeigen die Münchner Kammerspiele seine neue Revue „Ekzem Homo“.

„Man muss den Menschen weder verdammen, noch muss man ihn glorifizieren. Aber wenn man Situatives sieht, zu was Menschen in der Lage sind, dann muss man sagen: Es ist wirklich zum Teil so antagonistisch und so widersprüchlich, dass man selber aus dem Staunen nicht rauskommt.“

Der Mensch, ein erstaunliches Wesen! Gerhard Polt seziert ihn wie eh und je. In seiner kunstvoll, trockenen Satire nimmt er sie auseinander: Menschliche Abgründe, zwischenmenschliche Grabenkämpfe, unmenschliche Zeitgenossen – das Bayerische hat einen ganz wunderbar kantigen Begriff dafür: Gratler.

„Gratler! Gratler ist eine sehr abwertende Bezeichnung für einen Menschen. Gratler, das ist nicht der Mensch, der arm ist oder der Unterschicht angehört, sondern es ist ein mentales Versagen, ein schäbiges Verhalten.“

Drei gewaltige Alphörner hängen von der Decke der Münchner Kammerspiele. Über dem Publikum erklingt ein akustisches Klischee: Bayern und Berge, Idyll und Ideal. Christoph, Karli und Michael, die Well Brüder aus’m Biermoos, lassen ihn Musik werden, den widersprüchlichen Mitmenschen. Ungelenk hampelt Gerhard Polt auf die Bühne: Er spielt ihn nicht, er verkörpert ihn.

„Wenn mir ein Mensch, also ein Mensch daherkommt, sozusagen gegenübertritt, dann habe ich nichts dagegen. Aber! Das Aber kennen Sie …“

Unangenehmer Juckreiz im Aber

Im Aber steckt die Irritation, der unangenehme Juckreiz, den der Mensch dem Menschen ist: „Ekzem Homo‘. Der Titel dieser Musik-Theater-Satire, lässt an Nietzsche denken und nimmt Bezug auf eine Bibel-Szene: Jesus von Nazareth, vorgeführt von Pontius Pilatus.

„Ecce homo, das ist die berühmte Geschichte: Hier ist der Mensch, das ist der Mensch! Ecce, da! Und wir haben halt Ekzem Homo daraus gemacht, weil wir sagen: es gibt so viele Menschen, die dem Menschen etwas Widerwärtiges sind.“

„Und dann habe ich dieses Haus und neben mir ist ein Schauspieler, sogenannter Künstler, der grillt. Das ist doch der Wahnsinn! Ein Künstler. Die haben doch früher gehungert …“

Gerhard Polt treibt sie auf die Spitze, die kleinbürgerlichen Zwistigkeiten: der Nachbar als Feindbild, Fremdenfeindlichkeit und Flüchtlingsproblematik, Vereinsmeierei und Vermaledeien von aktueller Lokal- und Landespolitik.

Die Inszenierung „Ekzem Homo‘ wird dabei zu einer Art humanistischer Musik-Satire – Ignoranz und Scheuklappen-Denken als modernes Bauerntheater. Das Bühnenbild: ein Reihenhaus als transparentes Lattengestell mit auf Holztafeln gemaltem biederem Vorgarten. Die kritisch-satirische Volksmusik der Well Brüder aus’m Biermoos konterkariert das ewige Theater um den Mangel an echter Menschlichkeit mit zynischen Protestsongs – von der Zither getragene Stubenmusik, vom Akkordeon untermalte Gstanzl, von Tuba und Trompete geblasener Hip Hop.

Und irgendwann im Stück steht dann die Frage im Raum: Was ist der Mensch? Polts trockene Antwort: Musik, Geschrei.
„Der Mensch ist auch ein Klang, ein Klangkörper. Das Wort Person heißt ja nichts anderes als „etwas, durch das es hindurch klingt‘. Per-sonare. Das ist ein Mensch. Also ist er ein Behälter.“

Im Finale von „Ekzem Homo‘ löst sich dann die Frage nach dem Menschsein in einem musikalischen Kitsch auf. Polt in alter Heesters-Manier, in Frack und Zylinder – der Mensch als dilettantischer Entertainer, als selbstironischer Selbstdarsteller.

„Sehr gut. Doch. War ganz toll. Ich bin sehr begeistert.“

„Ich weiß nicht, was ich sagen soll.“

„Es sind manche Sachen dabei, wo man ein bisschen schluckt. Aber das gehört einfach dazu.“

Campino: Verdammt viel Punkrock

Unter den Gästen im Theaterfoyer tummelt sich dann auch noch ein prominenter Fan von Gerhard Polt und den Well Brüdern aus’m Biermoos – der Punkrocker Campino von den Toten Hosen.

„Also die Art Volksmusik, ist Volksmusik im guten Sinn, im ursprünglichen Sinn, und hat verdammt viel mit Punkrock zu tun.“

„Mir hat es sehr gefallen. Es bleibt eine leichte Melancholie. Man kann viel lachen und das ist die Kunst. Im Grunde wird der Mensch nicht fertig gemacht. Es ist noch ein Stück Resthoffnung da.“

Die Hoffnung stirbt zuletzt. Auf dem Nachhauseweg durch die Münchner Nacht stellt sich dann doch noch die Frage: Wie ist denn Gerhard Polt mit sich selbst zufrieden, als Darsteller, nein – als Mensch?

„Ich mit mir? Ich kann mich nicht jeden Tag fragen, ob ich mit mir zufrieden bin. Aber ich bin zufrieden, wenn ich einen Durst habe und bekomme dann ein gutes Bier. Dann bin ich mit mir zufrieden, und mit dem Bier. Das ist eine Zufriedenheit.“

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