AUS’M BIERMOOS

Well Brüder in Steingaden

Geballte Ladung musikalisch-satirischer Genialität in Steingaden

Steingaden – Offiziell gibt es sie seit gut einem halben Jahr nicht mehr, die Biermösl Blosn. Dafür aber die Well-Brüder aus’m Biermoos (dem Beerenmoos), Zweidrittel der Original-Blos’n plus Bruder Karl. Und die haben in Steingaden an alte Traditionen angeknüpft mit ihrem neuen Programm.

„Das muss doch die Biermösl Blosn sein“. Eigentlich ist die junge Münchnerin auf dem Jakobsweg unterwegs und hatte sich ein kleines Zimmer am Steingadener Marktplatz genommen. Was sie dort aber zu hören bekam, das war mehr als nur „Volksmusik“. Vor allem die Tuba, die so über allem spielte, habe sie doch sehr an die Biermösl Blosn erinnert, erzählt sie. Und weil der Abend so schön und die Musik so gut ist, schaute sie einfach in die Post – und tatsächlich, dort spielte die Biermösl Blosn. Nun ja, die „Rechtsnachfolger“, Christoph und Michael Well nämlich mit ihrem Bruder Karl.

Well Brüder aus'm Biermoos

Das Trio nennt sich seit der Auflösung der Blosn im vergangenen Jahr die „Well-Brüder aus’m Biermoos“. Was aber dem Inhaltlichen keinen Abbruch tut. In bekannter Manier wird da auf der Bühne musiziert, mit fast allem, was der Instrumentenbau so hergibt, vom Xylophon („dem Vorläufer des Hackbretts“) bis zum Vorläufer des Handys, in Form des Alphorns. Verquickt wird das Ganze dann mit den satirisch-kritischen Texten, so wie man es von früher her kennt. Weshalb die Zuhörer auch viele der Texte kennen und mitrezitieren können.

Dabei hätte man gewarnt sein sollen, als Christoph (die Nummer 14 der 15 Geschwister) seine Harfe stimmte. Auch wenn das Geräusch an das Säuseln des Windes erinnerte, sollte die geballte Ladung musikalisch-satirischer Genialität, einem Orkan gleich, auf die Gäste hereinbrechen. Oder wie weiland die Römer meinten, dass der Himmel ihnen auf den Kopf fiele, als die Gallier sie heimsuchten.

Da gibt es im Übrigen Parallelität. So heißt es, dass die Brüder aus Spaß und Notwehr auf der Bühne stünden. Notwehr, weil ihr schönes Moos und damit das Dorf in Gefahr war, sollten doch nebenan eine Mülldeponie und ein Flughafen entstehen. Und, den Galliern gleich, kämpfen die Wells gegen die Besatzer, damals Römer, heute eine gewisse „Partei“. Obschon sich vieles verändert habe, wie die drei auf der Bühne festhalten. Und ein bisschen sogar Mitgefühl für den Ministerpräsidenten und seinen Darmverschluss aus Parteimitglieder empfinden. Well’s auch alle bei ihm hinten rein… Vielleicht hülfe ja die Pharmawirtschaft, für die die drei einen Werbeslogan geschrieben haben: vom schmerzenden Zeh zur ewigen Ruh‘. Und das kommt jetzt vielleicht ebenso falsch rüber wie die Geschichte mit der Liebe und dem Kirchenaustritt, oder das Lied von (bayerischen) Richtern und der Polizei?

Böse sind, sprich eine spitze Zunge haben sie immer noch, Missstände, zumindest aus Sicht des Bürgers, werden auf den Punkt gebracht und angeprangert, tagesaktuell. Dabei bekommt ein jeder sein Fett weg, vor allem die aus der Landeshauptstadt. Auf die Zehen getreten musste sich aber sichtlich niemand fühlen im Windradl-Erwartungsland – weder Bürgermeister noch Pfarrer oder Schulrektor. Im Gegenteil, es wurde lautstark um Zugabe gebeten. Sodass man den Forty-Cent-Rap (40 Cent für den Liter Milch) genießen konnte oder die Geschichte mit dem Edelweiß. Und sich an der doch recht eigenwilligen Geschichtsschreibung der Well-Brüder erfreuen konnte. Wenn die ihren Kreisheimatpfleger, den Drechsler Toni nicht hätten. Aber das ist eine andere Geschichte

 

von Oliver Sommer

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