AUS’M BIERMOOS

Nach(t)kritik von Sabine Zaplin

Bissiges aus dem Biermoos

Beim Herfahren haben sie sich noch gedacht, „des gibt’s doch net,/dass euer Bahnhofsgebäude immer no steht.“ Je näher die drei Wellbrüder aus´m Biermoos, der Stofferl, der Micherl und der Karli, dann dem bosco kamen, umso mehr wunderten sie sich über Gautinger Zustände: „de Altersstruktur is schuld daran,/dass` in da Hauptstraß` koan Kramer, aber drei Bestattungsinstitute ham!“ Eines aber hat Gauting den Nachbarorten voraus: „In Starnberg drübn teans bloß no schaun,/wia, mit wos, wann und wo und wer soit den Tunnel baun,/wui ma in Starnberg kulturell wos erlebn,/muaß ma ins bosco nach Gauting gehn.“

Verschiedene Abordnungen der Familie Well waren in den vergangenen Monaten häufiger zu Gast im bosco, mal als Sextett aus Brüdern und Schwestern, mal solistisch klassisch, mal nur die drei Schwestern und mal ein Bruder in Verbindung mit Musikerkollegen aus anderen Familien und Gegenden. Seit dem Ende der Ära Biermösl-Blosn suchen die Geschwister neue Formen und Formationen, nicht immer waren die Versuche überzeugend. Dieser Abend aber war süffig wie ein frisch gezapftes Augustiner, so perfekt gesalzen wie eine rösche Brezn und ein einziger Ohrenschmaus obendrein. Die Mischung stimmte: zusammen mit dem erst seit kurzem mitwirkenden Bruder Karli hoben Stofferl und Micherl neue Lieder aus der Taufe, putzten alte frisch auf und bewiesen gerade auch hinsichtlich der Texte, dass sie gerade so bissig sind wie vor zehn, zwanzig Jahren. Ob es um die bayerische Regierungsmannschaft geht, um lokalpolitische Recherchen oder um Beobachtungen zum Zustand der Gegenwartsgesellschaft – mit gutem Gespür für die kleinen und großen Schwächen nehmen die drei diese auf die Spitze des Schreibstiftes, machen sich einen frechen Reim darauf und pfeifen denselben auf Flöten, Tuba, Klarinette, zur Harfe, Gitarre, zum Akkordeon und zu einem halben Dutzend weiterer Instrumente bis hin zu Dudelsack, Drehleier und Alphorn.

In musikalischer Hinsicht holt sie ohnehin so leicht niemand ein. Ausgehend von dem Wissen, dass jede Volksmusik, die den Namen verdient, revolutionäres Potential besitzt, setzen die drei Wellbrüder die Landler, Gstanzln, Zwiefachn und all die anderen Weisen wie kleine Pfeilspitzen ein, die sich sanft in die Haut bohren und dort einfach stecken bleiben. Das Lied von den „Grünen“ beispielsweise, das die Uniformfarbe der Polizisten meint und so scheinbar harmlos, als würde ein Spielmannszug besungen, von verprügelten Familien in Rosenheim oder einem erschossenen Studenten in Regensburg erzählt, verprügelt und erschossen von Beamten in Grün. Oder das Lied, in dem Dominopaare gebildet werden nach der Formel „ghert zu“, auf Neudeutsch übersetzt heißt das „belongs to“: da „ghert“ bunga bunga zu Berlusconi und zum Brüderle ein „humpahumpatäterä“.

Instrumentalstücke werden in der Regel zuvor bezüglich der Instrumentierung erklärt. Und da gibt es viel Neues zu erfahren: dass die Alphörner, die „Gigaliner der Stubnmusik“, als Vorläufer des Laubbläsers zu gelten haben oder dass zur Zeit Karls des Großen, dessen Gautinger Geburt die drei Herren wohl nicht so recht glauben mögen, die Drehleier das bevorzugte Instrument war und dieses den Gautingern darum besonders vertraut sein müsse. Ihre historischen Erkenntnisse beziehen die Wells aus erster Hand, vom legendären Brucker Kreisheimatpfleger Toni Drexler, der ihnen auch den entscheidenden Hinweis auf die schottische Herkunft der Familie Well gegeben hat. So lag es nahe, dass Stofferl nach der Pause mit einem Dudelsack auftrat und dann gemeinsam mit den Brüdern ein so traurigschaurigschönes schottisches Grusellied zum Besten gab, dass man sich schon auf den Highlands wähnte. Man hätte noch stundenlang zuhören können, diesem und all den anderen Stücken. Und selbst wenn beim nächsten Mal der Gautinger Bahnhof immer noch stehen sollte, so wird es dieses nächste Mal mit den Wellbrüdern aus´m Biermoos hoffentlich doch geben.

 

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